Das vergessene Kaufhaus

Ich müsste mal ins Stockacher Kaufhaus Jährling, sowas hätte ich noch nicht gesehen. Dies wurde mir im Verwandtenkreis bei Kaffee und Kuchen schon oft empfohlen. Ein kleines Einkaufshaus auf 800 Quadratmetern in der Sallmansweilerstrasse 4 bis 6, direkt aus den achziger Jahren ins kleine Städtchen gebeamt. So machten wir uns letzten Sonntag auf, um dieses Kleinod in Augenschein zu nehmen. Nachdem wir den Kinderwagen durch den zugestellten Eingangsbereich schoben, verschlug es uns wirklich fast die Sprache. Nichts, aber auch gar nichts hat sich hier in den letzten zwanzig, dreissig Jahren verändert. Wir reden hier nicht von der Einrichtung, nein, dass gesamte Sortiment ist irgendwann einfach stehen und liegen geblieben. Konserviert, wie nach einem schlimmen Unglück, einer Reaktorkatastrophe etwa. Nur die Besitzerin, Frau Jährling (81) steht noch fidel mit ihren beiden Lehrtöchtern hinter dem Verkaufstresen, zwischen Bergen originalverpackter Schiesser-Wäsche, Spielzeugwaren, Stoffrollen, Pullovern und Hüten. Wie schafft man es, ein solch immenses Sortiment über Jahrzehnte nicht zu verkaufen? Eine Möglichkeit: man verschliesst sich konsequent jeglichem Ausverkauf. Bei Jährling gibt es keine Schnäppchen. Die vor Jahrzehnten aufgedruckten Preise gelten auch heute noch, da lässt das Kaufhaus nicht mit sich handeln. Es herrscht Erfahrung seit 1885, damals eröffnete Jährling unter dem Namen „Riesen-Bazar“, so schnell lässt man sich da  von der Konkurrenz nicht aus der Ruhe bringen. Neue Ware sucht man bei Jährling vergebens, wozu auch, der Laden ist voll bis unter die Decke, auf zwei Stockwerken. In Berlin gibt es Secondhand-Läden die Pullis aus den achtziger Jahren verkaufen, für die Hipster der Grossstadt. In Stockach gäbe es den Jährling, nur wissen das die Berliner Hipster nicht. Schreitet man an die Kasse, schallt einem ein synchrones „Hallo“ der beiden Lehrtöchter entgegen. Ein Block wird gezückt, die verkaufte Ware fein säuberlich notiert, unter dem geübten Auge von Frau Jährling persönlich. Möge Ihr Kaufhaus noch lange weiterleben.

Jährling – Einkaufstipp für Nostalgiker, 80s-Freunde, Hipster

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Appenzell 58

Früher stiegen rauhe Appenzeller von den Hügeln herab um am lieblichen Bodensee zu brandschatzen und das spärliche Hab und Gut der dortigen Bauern zu rauben. Heute gehen wir Thurgauer am Wochenende ins Appenzellerland um ein kleines Stückchen Birnbrot für 15 Franken zu erwerben oder von einem fiesen „so lang ich wäg können wir feilschen“ Rheintaler wärmende Marroni zu erstehen. Nach dem schnellen wägen gabs eine Gratis-Marroni mit Wurm. Es gibt die Hiesigen, die Jenischen und die Auswärtigen. In den Neunzigern schlichen sich böse Buben vom SC Herisau unter die Tribüne der HC-Thurgau-Freunde und zündeten deren Fahne an. Brauchtum und Moderne gehen Hand in Hand. Selbst die bunt bemalten Appenzellerhäuschen werden nicht von Schweizer Warenhausketten verschont. Doch nicht überall im Land der Silvesterchläuse und Sennen ist Brauchtum nur Fassade und so gefällt mir das hügelige Land mit seinen schrofen Gesellen. Die Eisenhandlung heisst noch Knechtle, der Fussballverein hört auf den schönen Namen FC Appenzell 58, die Kinder gehen barfuss zur Schule, in den Stuben stösst man sich an der Decke, in Trogen stehen die Paläste der Zellwegerschen Sticker- und Weber-Barone und seit 1990 gibts das Frauenstimmrecht. Welch schöne Alltagsflucht.

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Gefühlte Ciabatta’s in Berg

Letzte Woche bei unserem Dorfbeck.

mohn

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Nachtclub ab 14

Die Grenzstrasse ist die Rotlichtmeile von Kreuzlingen. Das ist etwa so hochtrabend, als ob man den Kreuzlinger Boulevard als echten Boulevard preisen würde. Aber ein paar Etablissements haben sich trotz der Konstanzer Konkurrenz über die Jahrzehnte gehalten. Früher, in jungen dummen Zeiten, schlichen wir dort um die Häuser, schafften es auch mal in ein Vorzimmer und nachdem uns niemand öffnete, nahmen wir Bilder mit leichtbekleideten Damen von den Wänden und fuhren mit dem Velo und der kostbaren Fracht davon. Was die echten leichtbekleideten Damen davon hielten wussten wir nicht. Zurück ins hier und jetzt, die Leuchtreklame wirbt mit „Nachtclub ab 14“. Bevor sich die heutigen Halbstarken freuen, es wird die frühe Öffnungszeit angepriesen und eher nicht um jugendliche Gäste geworben – und ob es heute im Vorzimmer noch Bilder hat weiss ich nicht.

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